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Teer in Innenräumen, eine Altlast in unseren Häusern

 

In jüngster Zeit ist eine Gefahrstoffgruppe wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit getreten, die an vielen Stellen in unserer unmittelbaren Umgebung im Verborgenen geblieben war und deren Gefahren in früheren Jahren vollkommen unterschätzt wurden. Bei Abriß, Rückbau und Modernisierung jedoch stößt man in vielen Bauten (West bis Anfang der 70er Jahre, Ost bis 1991) immer wieder auf das schwarze »Pech«, oft auch wegen des herben, unangenehmen Geruchs, der bereits in geringen Spuren recht intensiv ist:

Das schwarzbraune Abdichte-, Isolier- und Klebemittel Teerpech, oft kurz als Teer bezeichnet.

Gerade weil sich jeder unter Teer vermeintlicherweise etwas vorstellen kann, bleibt dieser früher sehr beliebte Baustoff, der heute wegen seiner Gesundheitsgefahren weitgehend verboten ist, in der Bewertung seiner Gefährlichkeit diffus. Oft wird er dabei verwechselt mit anderen Stoffen, so z. B. dem Bitumen oder Guß-Asphalt. Nur wenige Beteiligte wissen, daß es sich bei Teer um ein Gemisch verschiedener, z. T. sehr kritischer Gefahrstoffe handelt, die eine intensive Betrachtung verdienen. Gerade durch die Verwechslung mit anderen, weitgehend ungefährlichen Stoffen, die optisch ähnlich sind, wie das schwarze Mineralölprodukt Bitumen, wird die Gefährlichkeit dieses alten Baustoffes oft nicht erkannt.


Was also ist Teer?

Teer ist ein Produkt, das aus »CARBO-stämmigen« Materialien (CARBO = Kohle) gewonnen wird. Es gibt hier demnach je nach Herkunft:

Steinkohlenteer, Braunkohlenteer, Holzkohlenteer, Torfkohlenteer, Knochenkohleteer

Es ist ein festes, plastisches oder flüssiges Produkt, das bei der trockenen Destillation (»Verkokung«) fossiler Brennstoffe, aber auch anderer brennbarer Stoffe entsteht. Teer wurde bereits im Mittelalter aus der Verkokung von Holz und anderen brennbaren Stoffen als Nebenprodukt der Köhlerei manuell gewonnen. Mit den ersten Teerfabriken und Gaswerken, bei denen Teer erzeugt wurde, begann seit Ende des letzten Jahrhunderts das Zeitalter der modernen chemischen Industrie. Aus dem Rohteer wurden durch Destillation und Crackprozesse eine Anzahl von chemischen Grundsubstanzen (Benzol, Toluol, Xyloi, Pyridin, Naphthalin u. v. m.) gewonnen und der verbleibende Rückstand in das flüssige Teeröl und das feste Teerpech getrennt.

Wirtschaftlich waren neben dem vielfach verwendeten Steinkohle- und Braunkohleteer, der in Kokereien gewonnen wurde und bei der Gaserzeugung in Gaswerken anfiel (= Gasteer), die anderen Teersorten von untergeordneter Bedeutung (nur chemische Spezialanwendungen, Medizin).

Teer ist über viele Jahrzehnte ein wichtiger Rohstoff in der chemischen Industrie, im Straßenbau, Holzschutz und im Hochbau gewesen, wobei die Teere früher nur nach ihren technischen Eigenschaften (Erweichungspunkt, Zähigkeit usw.), nicht dagegen durch ihre Zusammensetzung charakterisiert wurden.

Sie wurden dabei vielfältig als Imprägnierung, Klebemittel, Abdichte- und lsoliermaterial (Holzschutz, Fugendichtungen, Parkettkleber, Wasserisolierungen an Tanks, in Sanitärbereichen und im Grundwasser als schwarze Wanne) und in Verbindung mit Zuschlagstoffen wie Stein, Schlacke, Holz, Kork und Sand als Bodenbeläge oder Isolierungen (Teerasphalt, Homogenplatten Teerkork usw.) in Innenräumen, im Wegebau und Außenanlagen verwendet.

In erster Linie besteht Teer als Gemisch aus mehr als 10.000 chemischen Substanzen eines Kohlenwasserstoffgemisches (ca. 40 - 70% Aromaten, ca. 30% Heterocyclen und Aliphaten). Daneben sind zu erheblichen Anteilen alkylierte Phenole, Schwefel- und Stickstoffverbindungen und organische Säuren, sowie z. T. Begleitsubstanzen wie Ammoniak und Cyanide wertbestimmend. Die Zusammensetzung wurde bis heute nicht aufgeklärt, nur ca. 500 Stoffe sind bekannt. Als Leitparameter gelten zur Bewertung

PAK:
Die polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, abgekürzt PAK oder PAH, sind kondensierte Mehrringsysteme von Kohlenwasserstoffen, die als zum Teil krebserregende Substanzen früh in das Blickfeld des Gesundheitsschutzes gelangten. In Teerpech sind ca. 10% Naphthalin, 5% Phenanthren, 3,3% Fluoranthen. 2,3% Pyren, 2% Acenaphthylen, 2% Fluoren, 2% Crysen, 2% Benzo(a)anthracen, 1,4% Anthracen und um 1% Benz(a)pyren sowie weitere PAK wie Methylnaphthalin, Indenopyren und Carbazol enthalten. Als Leitsubstanzen werden meist die sogenannten 18 PAK nach EPA (Environmental protection agency) benutzt, wobei das nachgewiesenermaßen krebserregende Benz(a)pyren für die Bewertung der Teerprodukte oft allein zu Grunde gelegt wird. Mit diesem Parameter wird auch die toxische Qualität des Teers in den bestehenden gesetzlichen Regelungen festgelegt.

Phenole:
Diese wurden früher auch als CARBOL-Säure bezeichnet und sind mit den PAK für den typischen Teergeruch verantwortlich. In Teer findet man neben dem Phenol selbst als Hauptkomponenten die o-, m-, p-Kresole und die Dimethylkresole (Xylenole). Diese Stoffe sind leichtflüchtig, haut- und atemreizend, werden durch die Haut aufgenommen und verursachen neben Haut- und Augenreizungen Lähmungen des Atemsystems, des ZNS, Leber- und Nierenschädigungen. Sie sind starke Protoplasmagifte. Oft werden sie in Materialien über den sogenannten Phenolindex als Gruppe bestimmt, bei Gesundheits- und Arbeitsschutzbetrachtungen müssen sie aber einzeln untersucht werden.

aliphatische Kohlenwasserstoffe:
(oft fälschlich als "MKW-, Mineralölkohlenwasserstoffe bezeichnet). Die Stoffgruppe kettenförmiger Kohlenwasserstoffe, die auch in Mineralölerzeugnissen die bestimmende Hauptkomponente bilden, ist im Vergleich zu den anderen Substanzen im Teer eine relativ unkritische Stoffgruppe, die nur ansatzweise gesundheitsschädliche Wirkungen zeigt und daher bei Teer meist nicht mit untersucht wird.

AKW 1 BTEX:
bei plastischen Teerprodukten und Teerölen: Neben dem aromatischen Kohlenwasserstoff Benzol, das früher aus Teer gewonnen wurde, sind die methylierten Aromaten Toluol, Ethylbenzol, o-,m-,p-Xylole und Trimethylbenzole (Pseudocumoi, Mesitylen und Hemimellithin) Hauptverbindungen der leichtflüchtigen und geruchsintensiven Teerfraktionen. Benzol wirkt als starkes Atemgift, das auch durch die Haut aufgenommen werden kann. Es schädigt das Blut (Leukämie), das Knochenmark, Leber und Nieren und wirkt carcinogen. Die methylierten Verbindungen wirken ähnlich, aber schwächer.


Wegen ihrer toxikologischen Potenz sind Teerprodukte durch das Chemikaliengesetz seit 1991 weitgehend verboten. Verwendung in lnnenräumen ist nicht mehr gestattet. Die Gefahrstoffeinordnung erfolgt traditionsgemäß nur über die schwerflüchtige Leitsubstanz Benz(a)pyren, was aber bei Arbeitsplatzbewertungen im Rückbau oder Sanierungen sowie der Wohnraumbewertung manchmal nicht ausreicht, da dort auch die leichtflüchtigen Verbindungen wie Phenole und Benzolderivate eine wichtige Rolle der Luftbelastung spielen können.

Auf Baustellen müssen neben den allgemeinen Anforderungen der TRGS 524 und der ZH 1/183 auch die Anforderungen der TRGS 551 (Pyrolyseprodukte) beachtet werden.




LM-Chem. Dieter Quantz
Ingenieurbüro Dr. Fechter GmbH
Seestraße 64 - 67
13347 Berlin,
Tel.: 030/45 50 05?57
Fax: 030/456 50 24

 

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